Der Rollout von Steuerungseinrichtungen nimmt Fahrt auf. Doch bei der Wahl der richtigen Anbindungsstrategie stehen Netzbetreiber vor einer Weichenstellung mit langfristigen Konsequenzen.
.png?id=8186&time=1779199545)
Dieser Fachartikel ist in der ew Ausgabe 5/2026 erschienen
Autoren: Gert Schneider, GWAdriga und Uwe Pagel
Vervielfältigung und Nachdruck - auch auszugsweise - sind nicht gestattet.
Ende 2026 sollen 90 Prozent der angeschlossenen steuerbaren Leistung regelbar sein – so sieht es der regulatorische Fahrplan vor. Bereits seit Januar 2024 müssen nach §14a EnWG und MsbG neu angeschlossenen steuerbaren Verbrauchseinrichtungen technisch so angebunden sein, dass der Netzbetreiber sie im Bedarfsfall netzdienlich steuern kann. Tatsächlich sind die damit verbundenen Prozesse im CLS-Management vielerorts aber noch nicht vollständig umgesetzt. Technisch spricht jedoch nichts dagegen, den Steuerungsrollout schon jetzt aktiv voranzutreiben. Wirtschaftlich ist er ohnehin ein wesentlicher Hebel, die durch die Energiewende nötigen Ausbaukosten für die Verteilnetze wirksam zu begrenzen.
Bei der Anbindung steuerbarer Kundenanlagen stehen derzeit drei technische Wege zur Verfügung. Die weitaus meisten Bestandsanlagen – darunter ältere PV-Systeme und Wallboxen – sind über klassische Relais-Schnittstellen angebunden: Vier drahtgebundene Kontakte ermöglichen diskrete Schaltstufen, etwa 0, 30, 60 oder 100 Prozent Leistung. Dies ist nach wie vor der vorherrschende Anbindungstyp im Feld.
Neuere Anlagen setzen zunehmend auf die digitale EEBus-Schnittstelle, die sich am deutschen Markt als Standard durchsetzt. EEBus existiert in zwei Varianten: Die SKI-Schnittstelle (Subject Key Identifier) erfordert ein manuelles Pairing zwischen Steuerbox und Kundenanlage. Die SHIP-Schnittstelle (Smart Home IP) hingegen ermöglicht eine automatisierte Anbindung und gilt als Zukunftstechnologie – ist aber im Feld bislang kaum verbreitet.
Für Messstellenbetreiber und Verteilnetzbetreiber ergibt sich daraus eine strategische Frage: Auf welche Anbindungstechnologie setzen sie beim Rollout – und wie vermeiden sie dabei eine einseitige Abhängigkeit?
Auf der E-world 2026 präsentierten PPC und der Industriekonzern Weidmüller mit dem ERC-Konverter (EEBus-Relais-Konverter) eine Lösung, die das digitale EEBus-Signal auf konventionelle Relaiskontakte übersetzt. Damit soll das SMG+, das steuerungsfähige Gateway von PPC, das ausschließlich die EEBus-SHIP-Schnittstelle unterstützt, auch für die große Zahl bestehender Relaisanlagen einsetzbar werden.
Diese Entwicklung ist grundsätzlich zu begrüßen: Jede technische Lösung, die den Steuerungsrollout im Markt beschleunigt, ist ein Gewinn. Gleichzeitig sind einige Fragen noch offen. Die aktualisierte VDE-Anwendungsregel AR-N 4100/4105, die die Ausstattung der Kundenanlage regelt, sieht bei stand alone PV-Systemen (d.h. ohne §14a-Speicher) keine Verpflichtung zu einer bestimmten Schnittstelle vor. Bei §14a-Verbrauchsanlagen wie Speichern und Wallboxen ist hingegen EEBus vorgesehen – allerdings ohne Festlegung auf SKI oder SHIP. Ob der Konverter auf Kosten des Anlagenbetreibers beschafft werden muss, dürfte zudem juristisch umstritten sein. Und schließlich bleibt abzuwarten, ob das komplexe EEBus-Protokoll vollständig auf Relaisanlagen abgebildet werden kann.
Für Verteilnetzbetreiber, die heute in den Steuerungsrollout einsteigen, liegt der Schlüssel in der technologischen Flexibilität. Sogenannten hybride Steuerboxen, die nativ alle drei Anbindungswege unterstützen – Relais, EEBus-SKI und EEBus-SHIP – machen unabhängig von der weiteren regulatorischen Entwicklung und von einzelnen Gateway-Herstellern. Kurzfristig überwiegen im Feld die Relais-Anbindungen. Mittelfristig wird EEBus-SKI an Bedeutung gewinnen, langfristig dürfte EEBus-SHIP zum Standard werden. Wer sich heute breit aufstellt, kann jeden dieser Übergänge ohne Technologiewechsel begleiten.
GWAdriga verfolgt mit seinen MSB-Kunden genau diese Strategie: Das CLS-Management unterstützt alle drei Schnittstellen nativ. Damit können Messstellenbetreiber je nach Kundenanlage flexibel entscheiden, welche Anbindung gewählt wird – ohne an einen einzelnen Gateway-Hersteller gebunden zu sein.
Eine praxiserprobte Möglichkeit, mit dem Steuerungsrollout zu starten, wurde im Rahmen des CLS-ON-Projekts in Zusammenarbeit mit EWE Netz, RheinNetz, Westfalen Weser Netz und N-ERGIE entwickelt. Über ein Self-Service-Portal werden Stammdaten der Steuereinheit übermittelt. Ein Software-Roboter ersetzt die fehlende Schnittstelle zum ERP-System und sorgt für die Datenübertragung in das CLS-Management. So sind alle Basisprozesse von der Inbetriebnahme bis zur Deinstallation einer Steuereinheit abgebildet. Steueranfragen können über die Kopplung an Netzcockpit-Lösungen oder die BDEW-Web-API verarbeitet werden.
Für höhere Stückzahlen ist allerdings eine direkte ERP-Integration erforderlich. Westfalen Weser Netz (WWN) plant den Endausbau auf rund 120.000 Steuerboxen und hat sich deshalb für die direkte Anbindung des SAP IM4G an das GWAdriga-CLS-Management entschieden. In einem Integrationsprojekt wurden die grundlegenden Anwendungsfälle umgesetzt – von der Neuanlage nach §14a bis zur Inbetriebnahme der Steuerbox bei vorhandenem iMSys. Parallel wurde die Linienorganisation geschult, um die Feldprozesse vorzubereiten.
Der Steuerungsrollout ist aber nur eine Seite der Medaille: Um die Vorteile des Systems nutzen zu können, muss auch tatsächlich gesteuert werden. Bei WWN wurde dafür zum Jahreswechsel die Anbindung des Niederspannungsleitsystems (NS-SCADA) an das CLS-Management von GWAdriga abgeschlossen. Das NS-SCADA basiert auf der Intelligent Grid Platform von envelio und bildet einen digitalen Zwilling des Niederspannungsnetzes. Über die laufende Übermittlung aktueller TAF10-Netzzustandsdaten lässt sich das Netz permanent überwachen. Bei Engpässen werden über das CLS-Management automatisiert Steuerbefehle ausgelöst und gezielt übermittelt.
Eine besondere Herausforderung war, dass das Niederspannungsleitsystem aus Sicherheitsaspekten nicht über die Cloud, sondern on-premises im WWN-Prozessdatennetz betrieben wird. Neben der Anbindung an das CLS-Management mussten Schnittstellen zum ERP-System, zum GIS, zu Fernwirkgeräten und zum Mittelspannungsleitsystem geschaffen werden. In den kommenden Monaten wird die Lösung zunächst in 20 Niederspannungsnetzen pilotiert und bei Friendly Usern getestet.
Einfacher wird künftig die Anbindung der ERP-Systeme an die neuen Niederspannungsleitsysteme. Der edna Bundesverband Energiemarkt & Kommunikation hat kürzlich eine Standardschnittstelle auf Basis einer REST-API vorgestellt, die auf große Datenmengen skalierbar ist. An der Entwicklung waren sowohl ERP-Anbieter wie IVU, Kraftwerk Software, Schleupen, SIV und Wilken als auch NLS-Anbieter wie envelio, Kisters, Venios und Zertificon beteiligt.
Entwicklungen wie diese werden 2026 dazu führen, dass der Steuerungsrollout deutlich an Geschwindigkeit gewinnt. Dazu trägt auch bei, dass immer mehr Hersteller von Heim-Energiemanagementsystemen (HEMS) den EEBus-Standard unterstützen und so eine differenzierte Steuerung aller Geräte im elektrifizierten Haushalt ermöglichen. Entscheidend ist, dass Messstellenbetreiber und Netzbetreiber sich heute technologisch so aufstellen, dass sie alle Anbindungsvarianten bedienen können – unabhängig davon, welcher Weg sich am Markt letztlich durchsetzt.